Hallo,
ich habe zwar "nur" einen Klumpfuß (rechts), aber ich denke ich kann hier trotzdem mitreden, denn viele Gefühle und Situationen sind ähnlich, ob ein oder zwei "besondere" Füße.
Ich wollte nie "besonders" sein, ich wollte immer genauso sein wie alle anderen auch.
Vor allem bei dem Thema Schuhe war ich da sehr empfindlich. Ich habe immer "normale" Schuhe getragen, als Kind und als Jugendlicher. Als Kind noch mit Einlage, das fand ich dann als Jugendlicher nicht mehr so cool und habe die Einlage weggelassen. Wir haben immer zwei Paar Schuhe gekauft, mein linker Fuß ist ja "normal" und hat Schuhgröße 42, wobei mein rechter Fuß Schuhgröße 38 hat. Es mussten also immer zwei Paar her. Zusätzlich musste unter den rechten Schuh auch immer noch eine Erhöhung. So konnte ich nie Schuhe kaufen und sie direkt anziehen.
Mein rechtes Bein war immer ein bisschen kürzer. Anfänglich als festgestellt wurde, dass das rechte Bein kürzer ist (war während eines Strandurlaubs, meine Eltern haben das irgendwie gesehen), da muss ich 3 oder 4 gewesen sein war der Unterschied immer so bei 2cm. Die Schuherhöhung ist bei diesem Unterschied kaum sichtbar und völlig unproblematisch, trotzdem mussten die Schuhe immer zum orthopädischen Schuhmacher nachdem ich sie gekauft habe.
In der Pubertät wurde der Längenunterschied zwischen den Beinen dann größer und wuchs letztendlich auf 5cm. Meine Eltern unterstützten mich dabei, einen Weg zu finden wie wir dieses "Problem" los werden könnten und eine mögliche Beinverlängerung wurde immer wahrscheinlicher. Wir haben dann mehrere Ärzte besucht und uns nach Abschluss des Wachstums für eine Beinverlängerung mit einem Fixateur Externe (de.wikipedia.org/wiki/Fixateur_externe) bei Dr. Etienne Heijens (www.gelenkzentrum-wiesbaden.de/d/wiesbaden/orthopaeden/heijens/allgemein/) entschieden. Ich möchte hier nicht weiter auf diesen Eingriff eingehen, aber das gehört eben zu meiner Geschichte.
Letztendlich geht es hier um die Gefühle und den Umgang mit und in der Öffentlichkeit. Ich kann dazu nur sagen, dass ich immer ein normales Leben geführt habe. Sicherlich gibt es Punkte an denen man seinen Fuß als Problem ansieht und Hindernis, wenn man die Situation dann aber genauer betrachtet erkennt man, dass es gar kein Problem gibt. Manchmal sieht man Probleme an Stellen an denen andere Probleme sehen, ohne dass diese Probleme tatsächlich da sind.
Ich habe immer viel Vertrauen von meinen Eltern und meiner Familie bekommen, so konnte ich viele knifflige Situationen gut überstehen. Denn gerade als Jugendlicher ist es manchmal nicht leicht sich vor anderen zu beweisen und "anders" zu sein als andere.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man immer offen sein sollte. Vielen Menschen fällt meine "Besonderheit" gar nicht auf. Knifflige Situationen waren aber zum Beispiel immer Schwimmbadbesuche, vor allem mit Mädchen in der Gruppe. Aber auch im Schwimmbad sind alle gleich und komische Blicke sieht man nur, wenn man auch darauf achtet.
Zu meinen Hobbys zählt auch Fußball. Ich bin Rechtsfuß, trotz meines Klumpfußes. Meine Mannschaft und ich waren auch relativ erfolgreich, in der E-Jungend und D-Jungend waren wir sowieso immer Kreismeister und später habe ich auch in der Bezirksauswahl gespielt.
Für mich war und ist alles möglich, das Einzige was ich dafür tun muss, ist regelmäßige Gymnastik. Professionelle Gymnastik mache ich nicht mehr seit dem Ende der Behandlung meiner Beinverlängerung. Dennoch ist es für mich wichtig regelmäßig Sport zu machen und meine Beine zu dehnen und Übungen für die Beweglichkeit zu machen. Das werde ich wohl immer machen. Aber ich denke es ist nicht wirklich schlecht, wenn der Körper von einem verlangt regelmäßig Sport zu machen.
Mein Klumpfuß hat mich schon sehr weit getragen und immer wenn ich an einen neuen Ort gekommen bin, war als Jugendlicher sicherlich immer eine gewisse Unsicherheit dabei. Immer die Frage im Hinterkopf, wie die Menschen um mich herum wohl meinen Fuß aufnehmen würden. Nachdem ich in Cordoba, Argentinien (drei Monate Schüleraustausch), Ostroda, Polen (zwei Wochen Schüleraustausch), Rio de Janeiro, Brasilien (6 Monate Auslandssemester), Ingolstadt, Deutschland (3 Jahre Studium), Maastricht, Niederlande (1 Jahr Studium) und unzähligen anderen Orten war, kann ich nur sagen, dass es egal ist wo du bist, du bist immer du und wirst auch als dieser/diese wahrgenommen. Und Menschen lernen Menschen kennen und nicht Füße. Kommst du an einen neuen Ort, ist es egal wie deine Füße aussehen, die Menschen sind an dir interessiert und wollen dich kennen lernen. In Brasilien habe ich auch gelernt, dass es mit ein bisschen Übung möglich ist Flip-Flops zu tragen, das hätte ich mit 15 Jahren nicht gedacht.
Letztendlich ist es mit einem Klumpfuß wie mit so vielem im Leben: Es kommt darauf an was man daraus macht.
Wichtig sollte sein, immer offen und ohne Zwang mit dem Thema umzugehen. Wichtig ist auch, dass man Menschen im Leben hat, die einen auch mal auffangen, wenn man auf einmal nur noch Probleme sieht. Ich habe das Glück gehabt diese Menschen um mich herum zu haben und ich wünsche jedem, der sich mal alleine oder verlassen fühlt, dass er/sie auch Menschen um sich hat, die ihn/sie auffangen.
mit bestem Gruß aus Lille,
Simon
Januar 2011







