Als erste sprach Frau Fieber zum Thema "Der kongenitale Klumpfuß und die moderne operative Korrektur". Zunächst beschrieb sie den KF als eine Fehlstellung der beiden Fußwurzelknochen Talus und Calcaneus.
Der Talus verläuft im gesunden Fuß in einer Linie mit dem 1. Navicular-Knochen und steht mit dem Calcaneus in einem spitzen Winkel, im KF dagegen liegt er über dem Calcaneus und parallel zu diesem. Das führt zur Supinations- und Adduktionsstellung des Fußes.
Der Calcaneus selbst befindet sich ebenfalls in einer Fehlstellung, welche den Spitzfuß und den Rückfußvarus verursacht.
Bei einigen KF kommt noch eine Vertiefung des Längsgewölbes des Fußes hinzu.
Diese Fehlstellungen führen zu einer Aufhebung der Gelenkbeweglichkeit in allen drei Dimensionen, wobei die primäre Abweichung im Chopard-Gelenk liegt, die Mittel- und Vorfußdeformation wird erst durch diese Abweichung hervorgerufen.
Ein weiteres Merkmal vieler KF sind Muskelverkürzungen im Fuß und in der Wade. Die Form des KF ist immer gleich, sie unterscheiden sich jedoch in ihrer Härte. Danach werden sie (nach Dimeglio) in vier Schweregrade eingeteilt:
Grad I: weiche Füße, sprechen gut auf konservative Behandlung an, ca. 20% aller KF.
Grad II: Spitzfuß schwerer redressierbar, ca. 33% aller KF.
Grad III: fixierter Spitzfuß, geringe subtalare Rotation, Vorfußkorrektur teilweise möglich, ca.35% aller KF.
Grad IV: kurzer Fuß, kapsulär rigide, keine konservative Korrektur möglich, sehr selten.
Das Behandlungskonzept, so wie es an der orthopädischen Klinik in Dresden-Friedrichstadt angewandt wird, orientiert sich an der natürlichen Haltungsentwicklung des Kindes.
In den ersten 6 Lebenswochen wird der KF durch Gipsen behandelt, da die Gipshaltung zu diesem Zeitpunkt noch der natürlichen Haltung des Babys entspricht und die Ferse noch nicht in Mittelstellung ist.
Mit 4-6 Wochen beginnt jedoch die Schwerpunktverlagerung und damit ist eine funktionelle Behandlung nötig. Diese funktionelle Behandlung muß mit der Bewegungsentwicklung und damit der natürlichen Entwicklung des Sprunggelenks des Kindes übereinstimmen.
Aufgabe der funktionellen Behandlung ist die Redression des Gelenks und die Dehnung von Kontrakturen. Frau Fieber verwies darauf, daß das Mittragen und Erlernen der Behandlungsmethode durch die Eltern eine wichtige Rolle zukommt. Falls dies aus verschiedenen Gründen nicht gegeben sei, wäre alternativ konventionelles Gipsen, kombiniert mit 1x wöchentlicher manueller Behandlung möglich.
Erst, wenn die funktionelle Behandlung keine Fortschritte mehr bringt und der Fuß mindestens 8 cm lang ist, wird über eine Op entschieden; diese sollte aber möglichst noch im 1. Lebensjahr des Kindes stattfinden. Hierzu wird in zwei Ebenen in maximaler Korrekturstellung geröntgt (Methode nach Simons) und anhand der Bilder die Stellung von Talus und Calcaneus, die Form des medialen (inneren) Fußrandes und die Wadenbeinposition beurteilt.
Operiert wird mit dem Cincinnati-Zugang:
Der Fuß wird über der Ferse halbkreisförmig aufgeschnitten, danach werden die Gefäßnervenbündel vorbereitet. Wenn dies abgeschlossen ist, erfolgt eine Z-Tenotomie der Achillessehne und des tibialis posterior-Muskels. Zur Talus-Befreiung werden die Kapseln des unteren Sprunggelenkes geweitet. Falls nötig erfolgt noch eine Z-Tenotomie der Zehenbeuger und eine Verlängerung der Plantarfaszien. Abschließend wird der Fuß wieder verschlossen.
Im Anschluß an die Op wird für 6 Wochen gegipst, der erste Gipswechsel erfolgt am 5. Tag, danach wöchentlich.
Nach 5 Wochen wird für die Nachtschiene Maß genommen, die anfangs auch tagsüber stundenweise getragen werden kann. Weiter orthopädische Hilfsmittel sind Einlagen und Therapieschuhe (auch AV). Orthopädische Schuhe kommen nur nach einer Rezidivoperation zum Einsatz.
Von grundlegender Bedeutung ist auch die Wiederaufnahme von Krankengymnastik nach der Op, wobei die Aufgaben der KG nun in der Korrektur des bisherigen Fehlstellungsignals vom Fuß an das Rückenmark, der Fußredression, der Dorsal- und Plantarflexion im oberen Sprunggelenk und dem Muskelaufbau im Bein- und Rumpfbereich liegen.
Im Anschluß sprach Frau Livia Grass über "Die dreidimensionale Klumpfußtherapie nach Zukunft-Huber und die Bedeutung von Vojta als bahnende Basistherapie". Sie beschrieb als erstes den natürlichen Aufrichtungsprozeß des Kindes, der mit der Wirbelsäulenaufrichtung beginnt. Anschließend erfolgt die Beinaußenrotation in der Hüfte, die Fußsohlen des Kindes zeigen in Rückenlage nach innen (Supinationsstellung). Diese Entwicklung erreicht ihren Höhepunkt, wenn das Kind in der Lage ist, an seinen Füßen zu lutschen, was auch die Fußgewölbeentwicklung fördert.
Nun folgt das Auf-den-Bauchdrehen. Mit ca.6-7 Monaten greift das Kind mit den Füßen. Anschließend beginnt mit der Drehbewegung auf die Seite die Fußaufstellung und damit die Differenzierung von oberem und unterem Sprunggelenk.
Die funktionelle KF-Behandlung orientiert sich an der Bewegungsentwicklung des Kindes und an diesem idealen Bewegungsmuster, welches genetisch gespeichert ist und mittels Vojtatherapie abgerufen werden kann, wobei die Wirbelsäulen-Hüft-Reaktion wichtiger als die Fußreaktion auf die Vojta-Impulse ist.
Die möglichst ideale altersentsprechende Körperhaltung ist die Ausgangsposition für die weiterer Behandlung. Die eigentliche Redression und Dehnung erfolgt nach Zukunft-Huber und findet also während der ersten 6-7 Monate in (Vojta)-Rückenlage, Fußsohlen nach innen, statt und beinhaltet die Vorfußdehnung, kombiniert mit einer Wadendehnung. Danach wird in Fußaufstellung (Vojta-Seitenlage) gearbeitet und hier ist erstmals eine Korrektur des Rückfußvarus möglich.
Die Redressionsgriffe sollten möglichst sanft ausgeübt werden, da sie an einem verspannten Kind nicht die richtige Wirkung erzielen. Die erreichte Korrektur wird durch Wickeln oder Schienen gehalten. Nach erfolgter Op wird die funktionelle Behandlung (neben der Narbenpflege) als ortho-dynamische Betreuung fortgesetzt bis zur freien Hocke. Sie sollte vorausschauend und spielerisch erfolgen, das Kind soll sich möglichst viel bewegen.
Ziele der Behandlung sind die Verbesserung der Fußwahrnehmung und die Korrektur von falschen Bewegungsmustern. Falls nötig kann auch Vojta wieder aufgenommen werden, was aber erfahrungsgemäß im Alter zwischen 10 Monaten und 2 ½ Jahren meist schwierig ist.
Frau Grass betonte noch, daß KF-Kinder möglichst nicht an den Händen der Eltern laufen sollten, da sie so in die Spitzfußstellung zurückgedrängt werden. Statt dessen sollten sie viel seitlich an Möbeln u.ä. entlanglaufen. Des weiteren erwähnte sie noch, daß die Plantarflexion bei KF immer nicht ganz ausgeprägt ist.
Nach den Vorträgen wurden zwei Kinder, die bei Frau Grass in Behandlung sind, vorgestellt und sie zeigte ein paar Übungen, die sie mit den Kindern macht. Z.B. auf einen Tisch o. ä. nach Spielzeug klettern, einen Ball auf einem Tuch durch rasches Aufstehen aus der Hocke hin- und herkullern (zu zweit) oder Seifenblasen mit den Füßen fangen.
Die Kinder waren ungefähr zwei Jahre alt und ich persönlich war von deren Fähigkeiten, auf Zehenspitzen zu stehen, stark beeindruckt. Sehr interessant fand ich auch, daß Frau Grass darauf verwies, daß die erste Bewegung der erfolgreichen Redression und auch der Vorfußdehnung eine Supination des Fußes ist, und daß sie erzählte, daß sie dies, als sie die Behandlung nach Zukunft-Huber kennenlernte, gar nicht glauben wollte, da es auf den ersten Blick einer Verstärkung des KF gleichzukommen scheint. Das gleiche sagt auch Ponseti bei seiner Methode, die zwingend mit einer Supination beginnen muß, um zu funktionieren.
Regina
Oktober 2003







